Serra de Tramuntana GR 221: Esporles – Son Moragues

Es ist schon längst hell als ich aufwache. Ich mache mir einen Kaffee und es gibt sogar eine Hikerbox der ich Brot und Butter entnehme. Jörg ist inzwischen auch wach und wir knüpfen an die Gespräche von gestern an. Ich baue mein Zelt ab, packe meinen Klimbim zusammen und inzwischen sitzt Tina bei Jörg. Sie ist aus Wien und ist auch hier zum Wandern.

Ich verlasse Esporles Richtung Valdemossa und natürlich geht es wieder ziemlich steil nach oben. Diesmal durch eine ländlich-mediterane Landschaft mit vielen Tieren. Dann wieder in den obligatorischen Steineichenwald.



Weg und Wegbeschreibung

Ich flüchte vor einer Reisegruppe, die einen Köhlerplatz belagert. Nach einer sehr langen, gerade Strecke durch den Wald schimmert es plötzlich Blau durch’s düstere Geäst. Das wird doch nicht? Doch. Ich habe gar nicht gemerkt, dass ich inzwischen wieder so weit oben bin. Und als ich dem Blau entgegen gehe, stehe ich an einer Klippe die einen wunderschönen Blick auf’s Meer eröffnet.
Ich versuche wiedermal unter Zuhilfenahme von Stöcken und Steinen ein bedeutungsschwangeres Selfie zu produzieren als Tina um die Ecke kommt. Wir fotografieren uns gegenseitig und gehen den Rest der Strecke (hoch, runter, hoch, runter, Valdemossa) gemeinsam. Schön!

Sie, Österreicherin und Doktor der Biochemie, ist vor einiger Zeit den Lykischen Weg und durch den Torres del Paine Nationalpark in Chile gegangen und wanderte quasi schon bevor sie laufen konnte.


Bei diesem Licht muss da mindestens eine Madonna stehen, finde ich.

Wir kommen vom Wandern über Arbeit zu Männern, ich lerne einige Österreichische Ausdrücke, und flugs stehen wir in Valdemossa das mit Touristen vollgestopft ist. Tina setzt sich gleich ins erste Café und ich kann mich nicht entscheiden was ich zuerst essen soll. Eis? Kuchen? Fanta? Mein Bauch verträgt so einiges. Eine Mandeltarta, ein Café von Leche und ein frischgepresster Orangensaft muss herhalten. Ich weiß immer noch nicht, wo ich schlafen werde und Tina schaut gemeinsam mit mir auf die Karte.

Irgendwann verabschiedet sie sich und ich laufe Richtung Refugi de Son Moragues, das zwar höchstwahrscheinlich geschlossen ist, aber auf den Bildern so aussieht, als könnte man dort campieren. Außerdem ist es ein wunderbarer Ausgangspunkt für eine Gipfelwanderung entlang des Cami de s’Arxiduc, ein von Erzherzog Ludwig Salvador angelegter Höhenweg, der über mehrere Gipfel entlang eines Grats führt. Die Permit für das Geiergebiet werde ich also nicht brauchen, denn dieser Weg führt drumherum.
Das letzte Stück zum Refugi ist wiedermal schweißtreibend steil und dort angekommen, inzwischen ist es schon ziemlich spät, stelle ich fest, dass Campen unmöglich ist. Die einzige flache Stelle liegt direkt unter einem extrem steinschlaggefährdeten Geröllfeld. F**k.

Der ganze Wald bis dorthin gab nichts her, bis auf einen terrassierten Picknick-Platz zu dem ich jetzt wieder zurückgehe. Ich sitze dort noch eine Weile in der untergehenden Sonne rum, weil ich das Zelt erst aufschlagen will, wenn keiner mehr vorbeikommt. Und in der Tat: Bald erscheinen mehrere einzelne Trailrunner und eine riesige Gruppe Mountainbiker, die sich die steile Strecke nach oben quälen. Den letzten frage ich, ob sie im Anschluss wieder runterfahren und er sagt, ja, auf der anderen Seite. Das wäre also schonmal geklärt. Ungeklärt hingegen ist der Verbleib des jungen Paares die ziemlich spät und nur mit einem Jutebeutel ausgerüstet, den Berg hinauf sind.
Kurz vor Einbruch der Dunkelheit, ich habe alle Klamotten angezogen, die ich dabei habe, es ist saukalt, zumindest kommt es mir so vor, baue ich das Zelt auf, diesmal auf mittlere Höhe mit beiden Enden offen um den Kondensatregen zu vermeiden. Bei Sonnenuntergang kommen nochmal ein paar Windböen auf und ich mache mir schon Sorgen, dass das so endet, wie auf La Trapa, aber die Sorge ist unbegründet. Inzwischen habe ich mich mit allen Geräuschen vertraut gemacht. Das eigenartige Quietschen kommt von dem Baum neben meinem Campingplatz, der auf einen anderen gefallen ist und sich im Wind an ihm reibt (aber selbst wenn er ganz umfallen sollte, würde er nicht auf mich fallen), die krächzenden Schreie stammen von einem größeren Vogel (vielleicht ein Mönchsgeier?) der über den Bergen kreist, das Klackern von einem Geröllfeld, das mir nichts anhaben kann und das meckernde Heulen ist ziemlich eindeutig einer unzufriedenen Ziege zuzuordnen. Nun gut. Noch ein bisschen Stroh unter die Bodenplane gestopft um eine Unebenheit auszugleichen und ab ins Bett.



Im Bauch des Waldes

Ich habe oft über diese Situation nachgedacht. Sie mir ausgemalt. Rational habe ich komplett verinnerlicht, dass sie keine außergewöhnlichen Gefahren birgt. Nur hat der Neocortex halt nix zu kamellen. Inzwischen ist meine Aufgeregtheit einer durch hohen Adrenalinverbrauch erzeugten Entspannung gewichen. Das Mondlicht scheint durch die Blätter und wirft Muster auf die Zeltwand. Hin und wieder eine Windbö, die das Muster durcheinanderbringt. Mein Gefühl hat sich verirrt zwischen Geborgenheit inmitten einer wilden Natur und dem Grauen der Waldmonster. Neue Vogelstimmen kommen dazu. Käuze. Die Nacht erwacht. Das Einschlafen dauert eine Weile. Aber nach und nach falle ich in eine bizarre Traumwelt aus der ich zwar immer wieder in die Realität zurückkehre, zum Beispiel weil ich von der Luftmatratze runtergerollt bin, aber dennoch werde ich erst richtig wach als der Morgen schon graut und die Ablöse der Nachtvögel durch die deutlich zahlreicheren Tagesvögel erfolgt. Ich atme tief ein. Schön hier draußen.

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